Experte betont Effekte der Klimaerwärmung auf Infektionen
Berlin: (hib/HAU) Ein sektorübergreifendes Handeln für mehr Klimaresilienz forderte Josef Penninger, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Helmholtz Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig und Professor für Personalisierte Medizin an der Medizinischen Universität Wien, am Mittwoch vor dem Parlamentarischen Beirat für nachhaltige Entwicklung und Zukunftsfragen. Ob Umwelt, Energie oder Gesundheit - der Klimawandel fordere Politik und Gesellschaft in allen Bereichen. Man müsse daher ein Verständnis für den Einfluss des Klimas auf verschiedene Bereiche der Gesundheit schaffen, so Penninger. Die Stärkung der Prävention und der Reaktionsfähigkeit in Krisen sorge für eine resilientere Gesellschaft.
„Es ist ganz wichtig, dass Deutschland Leadership bei Forschung und Innovation zeigt“, sagte der Helmholtz-Geschäftsführer. Das stärke die planetare Gesundheit und die deutsche Wirtschaft zugleich.
Klar sei, dass die Klimaerwärmung Effekte auf Infektionen hat, betonte Penninger. Erwärmten sich die Gewässer, passten sich die Mikroben an. Zu klären sei daher die Frage, „was genau passiert dann mit diesen Mikroben und wie spiegelt sich das wieder zurück auf uns“. Zoonotische Viren seien eine existenzielle Bedrohung für die globale Gesundheit. SARS-CoV2 sei „wahrscheinlich“ von Fledermäusen auf Menschen gesprungen. Solche Infektionsketten müsse man kennen. „Es gibt viele neue Corona-Viren, die das gleiche können, aber Gott sei Dank noch nicht auf uns gesprungen sind“, sagte Penninger. Die nächste Pandemie komme aber bestimmt, fügte er hinzu. Man müsse sich frühzeitig Gedanken machen, wie dann zu reagieren ist.
Penninger verwies zudem auf regionale Veränderungen der Zecken- und Stechmückenfauna unter anderem aufgrund zunehmender Temperaturen und Hochwasserereignisse. Invasive Zecken und Mücken könnten exotische Krankheiten übertragen. Daher würden neutralisierende Antikörper zur Therapie vektorübertragener Krankheiten entwickelt. Veränderte Nährstoffverfügbarkeit und die Zunahme der globalen und europäischen Gewässertemperaturen führten zudem zur weltweiten Zunahme mit Wasser übertragener Infektionen und Intoxikationen.
Der Experte machte deutlich, dass etwas getan werden müsse, um eine nächste Pandemie zu verhindern und um antimikrobielle Resistenzen zu bekämpfen. „Wir haben die Technologie, die Leute und das Können, um das zu schaffen“, sagte er. Es brauche aber zusätzliche Anstrengungen „vom Staat und hoffentlich auch von privaten Firmen“.
Das Thema Antibiotikaresistenzen vertiefend sagte Penninger, extreme Wetterereignisse könnten die Gesundheitsversorgung beeinträchtigen, die Infektionskontrolle unterbrechen und den unsachgemäßen Einsatz von Antibiotika verstärken. Zudem fänden sich ideale Bedingungen für die Ausbreitung resistenter Bakterien in Krankenhäusern und Gemeinden, aber auch in der Umwelt. So bestünden Gefahren im schmelzenden Eis und Permafrost. Alte Mikroben könnten krankheitserregend sein und gängigen Antibiotika trotzen. Dem müsse mit der KI-gestützten Entdeckung und Entwicklung neuer Wirkstoffe entgegengetreten werden. Ein Beispiel dafür sei die Phagentherapie, die ein hohes Anwendungspotential im Kampf gegen antimikrobielle Resistenzen und im Bereich der Gentherapie habe.
Penninger zitierte während der Sitzung seine Kollegin Antje Boetius, Präsidentin des Monterey Bay Aquarium Research Institute (MBARI) zerstörter Lebensräume. „Wir wissen, dass mikrobielle Prozesse die Erderwärmung verstärken können“ habe sie gesagt. Nun müsse dringend herausgefunden werden, inwieweit Mikroorganismen auch Teil der Lösung des Problems sein können, beispielsweise im Bereich der Medizin, der nachhaltigen Energien oder der Sanierung. Beispiele für Lösungen seien etwa plastikfressende Bakterien oder die Kupfergewinnung mit bioaktiven Stoffen sowie der Einsatz von Mikroben zum Abbau und zur Rückgewinnung seltener Erden.